UKW042 Corona Weekly: Abgeordneter ist kein richtiger Beruf

Das Update zu Zahlen, Dunkelziffern und digitalen Fragen in der Corona-Krise

Der November kommt und Deutschland geht dem nächsten Lockdown entgegen. Ab kommenden Montag gelten neue Beschränkungen und wir schauen natürlich zunächst wie gewohnt auf die aktuellen Zahlen, die diesen Schritt ganz unzweifelhaft erforderlich machen. Wir analysieren dazu kurz den Pandemie-Verlauf in unseren Nachbarländern, speziell im derzeit am härtesten getroffenen Land Tschechien und gehen dann Punkt für Punkt die nun von der Bundesregierung beschlossenenen Maßnahmen durch und bewerten sie. Anschließend diskutieren wir die Zwänge der Politik und versuchen zu verstehen, warum die Maßnahmen jetzt so zurückhaltend gewählt worden. Wir wünschen uns deutlich ambitioniertere langfristige Ziele und äußern unsere Erwartungen für den Rest des Jahres.

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R nach Neuinfektionen und Todesfällen in Deutschland am 30. Oktober 2020 (Pavel Mayer)

24 Gedanken zu „UKW042 Corona Weekly: Abgeordneter ist kein richtiger Beruf

  1. Hallo zusammen,
    Ich staune gerade ein bisschen, wie die Situation hier bei uns in der Schweiz bei euch “verniedlicht” rüberkommt, hier brennt es im Moment extrem (Frankreich haben wir schon “geschlagen”), mit Potential, zum weltweiten Hotspot zu werden… Kleiner Blick ins Horrorkabinett? Bitte sehr:
    – Pro Tag momentan rund 9000 Neuinfektionen, 280 Hospitalisationen, 50 Todesfälle (multipliziert die Zahlen für den Vergleich mit Deutschland mit 10), und das bei einer Positivitätsrate um 30%! 7T Inzidenz 588, im “schlimmsten” Kanton Wallis sogar 1440! Minimum liegt bei 252. Die Zahlen haben sich in den letzten 2 Wochen ziemlich genau pro Woche verdoppelt.
    – Auslastung ICU wird in ca. 10 Tagen erreicht
    Wenn ihr jetzt denkt, es gebe sicher einen Lockdown – weit gefehlt. In Kraft sind, seit dem 29.10.:
    – Schliessung von Discos, aber NICHT Bars/Restaurants; Letztere müssen um 23 Uhr schliessen. Max. 4 Personen pro Tisch.
    – Maximal 50 Personen an öff. Veranstaltungen (ausgenommen sind politische Veranstaltungen wie Gemeindeversammlungen und Demos)
    – Maximal 10 Personen an privaten Events (aber keine Haushaltsbeschränkungen)
    – Maximal 15 Personen an sportlichen/kulturellen Freizeitanlässen (z.B. Fitnesscenter) und Verbot von Laienchören (Jodelfest lässt grüssen..)
    – Maskenpflicht drinnen und im draussen in dicht belebten Strassen (was auch immer das heisst), z.B. auf Märkten
    – Homeoffice Empfehlung (aber keine Pflicht)
    – Ab Montag sollen Snhnelltests verfügbar werden – die gab es bisher hierzulande nicht. Geplant ist eine Kapazität von ca. 30’000 PCR- und 50’000 Schnelltests pro Tag. Tests nur bei Symptomen.
    – That’s all, folks… Einziger Punkt, wo wir strenger sind als ihr: keine zeitliche Beschränkung der Massnahmen
    Besonders erwähnenswert: Obschon sich die Fallzahlen seit 2 Wochen wöchentlich verdoppelten, hat die Regierung damals angekündigt, dass “in 2 Wochen” Massnahmen ergriffen werden, “die vorher mit den Kantonen abgeglichen werden” (Föderalismus). Dazu wurde ein “Mitberichtsverfahren” (schriftlich) eingeleitet. Das heisst, man hat mit dem Umsetzen dieser Massnahmen aus politischen Gründen 2 Wochen zugewartet! Dazwischen hat man erst mal an die berühmte “Eigenverantwortung” appelliert. Mit Neid schaue ich auf Deutschland, wo Merkel es schafft, ihre Minister in den Ländern binnen einem Tag (einer Nacht…) hinter sich zu scharen.

  2. Wenn man mal genau rechnet mit Zahlen von Belgien (~21k/Tag bei 11mio Bevölkerung) sind das also 0,2% der Bevölkerung bestätigte Infektionen. Bekommen die alles getestet? Ich bezweifle das hochgradig. Da wird die Dunkelziffer nicht bei 2 oder 3 sein, sondern eher bei 5 bis 10. Also 1% der Bevölkerung pro Tag….
    Wann hört das auf? Die Hotspots wie New York hatten Anfang Mai schon 20% Antikörper, von Ischgl hörte man nachträglich 40%, das gleiche in manchen indischen Regionen (https://www.newindianexpress.com/nation/2020/jul/18/40-per-cent-people-in-a-cluster-in-ahmadabad-36-in-dharavi-had-antibodies-against-covid-19-in-may-sh-2171362.html).
    Die Mutmaßung, daß es eine T-Zellen-Immunität gibt und von 34% gemutmaßt wurde (https://www.ndr.de/nachrichten/info/35-Coronavirus-Update-Vielversprechende-Impfstudie-aus-China,podcastcoronavirus196.html) denke ich einfach, daß die Geschwindigkeit bei 20-30% rausgenommen ist, und dann weit im logistischen Teil der Funktion weiter geht. Nein, ich befürworte das nicht, aber so wird es jetzt passieren. Ich glaube nicht, daß Belgien (die gestern irgendwas beschlossen haben) oder Tschechien das irgendwie gestoppt bekommen. Die Zahlen werden sinken, aber eher weniger durch die Maßnahmen… Der Preis ist irre hoch, vollkommen klar.

    Wenn wir nur auf Virologen hören, ist die vollständige Ausrottung und härteste Maßnahmen natürlich sinnvoll, aber läuft halt auf Kosten von Wirtschaft. Es sei denn, man schottet sich komplett ab und hat ein entsprechendes Frühwarnsystem und geht dann sofort wieder total rein (wie China). Das wollen wir nicht, wenn wir immer offene Grenzen propagieren. So wird lange gewartet, vielleicht zu lange, ja.
    Wenn wir das alles schon vor 4 Wochen gemacht hätten, wäre die gleiche Frage gekommen wie jetzt auch – wie soll es danach aussehen? Wie stellen wir uns denn jetzt Dezember vor? Vor 4 Wochen wären wir dann jetzt zum Anfang November sicher bei sehr niedrigen Zahlen, aber wie würden wir uns dann verhalten? Natürlich wieder Lockerungen und es kommt auf’s selbe heraus. Jetzt sind die Zahlen so hoch, daß sie in 4 Wochen (also 30.Nov) sicher kaum besser sind, wenn nicht gar noch schlechter (sagtet ihr ja genau so) – dann stellt sich die Frage gar nicht, wie das weiter gehen soll – natürlich so wie jetzt. Und das realistischerweise denke ich bis März/April, während wir wahrscheinlich jetzt durch den Einbruch früher impfen werden als es ursprünglich geplant war…. (kleinere Übel).
    Ich vermute einfach, der saisonale Effekt ist einfach sehr stark, sei es durch UV (Oktober hatten wir einfach nur 50% des Sonnenscheins eines Durchschnittsoktobers!: https://www.wetterkontor.de/de/wetter/deutschland/monatswerte.asp) und auch noch überdurchschnittlich Regen, also gleich 2x Gründe, drinnen zu bleiben. Und das eigentlich europaweit.
    März/April hatten wir bombiges Wetter:
    https://www.wetterkontor.de/de/wetter/deutschland/monatswerte.asp?y=2020&m=4
    Eigentlich würde ich davon ausgehen, daß wir selbst mit denselben Maßnahmen wie im März/April (also inklusive Schulschließungen) schlechter hinkommen jetzt, weil eben das Wettervorzeichen anders ist. Und es wird nicht besser werden.
    Interessant sind auch die wenigen Blicke auf die Südhalbkugel mit
    https://www.worldometers.info/coronavirus/country/south-africa/
    https://www.worldometers.info/coronavirus/country/australia/
    Wo die Eindämmung 2-3 Monate dauerte.
    Aber kann man das dort Winter nennen? Ich glaube nicht….

  3. Ihr hattet doch nach einer Veranstaltung gesucht, die nicht der Unterhaltung dient, bitte sehr:
    Bei uns findet im Dezember eine OB-Wahl statt, und davor soll es eine Podiumsdiskussion geben mit den Kandidaten. Diese darf wohl mit 200 Personen statt finden, weil wichtig. (Dass sie nicht gestreamt, sondern nur aufgezeichnet wird, weil es sonst Wahlanfechtungen geben könnte hieß es, wenn z.b. ein Mikrofon nicht richtig funktioniert, steht auf einem anderen Blatt und ist halt mal wieder typisch deutsch…)

    • “Dass sie nicht gestreamt, sondern nur aufgezeichnet wird, weil es sonst Wahlanfechtungen geben könnte hieß es, wenn z.b. ein Mikrofon nicht richtig funktioniert[..]”

      Wer denkt sich denn solche Begründungen aus und meint es dann auch noch ernst? Das ist so ein galoppierender Unsinn. Sonst könnte bei der nächsten Bundestagswahl ja jede Partei die Wahl anfechten, wenn sie nicht bei Anne Will auftauchen, weil nur Parteien mit Sitzen im Bundestag zur Debatte eingeladen werden.

  4. @56:50: Die Kontaktreduktion auf ein Viertel, die Pavel gelesen hatte, war eine gemeinsame Erklärung der großen Forschungsgemeinschaften vom 21. Oktober 2020, Titel “Coronavirus-Pandemie: Es ist ernst”.
    Dort heißt es: “Es ist entscheidend, deutlich zu reagieren. Eine Halbierung der Kontakte ohne Vorsichtsmaßnahmen eines jeden Einzelnen reicht laut wissenschaftlichen Simulationen des möglichen Pandemieverlaufs gegenwärtig nicht aus, um die Zahl von Neuinfizierten pro Woche zu senken. Die notwendige Reduktion von Kontakten ohne Vorsichtsmaßnahmen auf ein Viertel sollten in allen Bundesländern sowie in allen Landkreisen und Städten nach bundesweit einheitlichen Regeln durchgeführt werden. Es ist entscheidend, schnell zu reagieren. Je früher eine konsequente Reduktion von Kontakten ohne Vorsichtsmaßnahmen erfolgt, desto kürzer können diese andauern und desto weniger psychische, soziale und wirtschaftliche Kollateralschäden werden diese verursachen. Mit einer drastischen Reduktion der Kontakte ohne Vorsichtsmaßnahmen eines jeden Einzelnen auf ein Viertel kann die Pandemie eingedämmt werden.”
    https://www.mpg.de/15953757/gemeinsame-erklaerung-zur-coronavirus-pandemie.pdf

  5. Pavel hat vollkomen recht #ZeroCovid ist das richtige Ziel. Allerdings braucht man dafür ein öffentliches Gesundheitssystem, das in Deutschland so nicht oder nicht ausreichend gegeben ist. Ohne ausreichend qualifiziertes Personal zur Kontaktverfolgung und Clusteraufspürung; schnelle, kostenfreie und leicht verfügbare Testmöglichkeiten sowie zeitgemäße Datenübertragung und Kommunikation zwischen Laboren, Behörden und Bevölkerung wird das nichts. Corona hat (mal wieder) gezeigt wie sehr öffentliche Verwaltung auf Kante genäht ist. Wenn dann eine gigantische Aufgabe wie jetzt dazu kommt, ist das System schnell überfordert. #ZeroCovid ist dann halt ein feuchter Traum. Die kulturellen Unterschiede zu demokratischen Ländern in Asien wie Südkorea oder Taiwan sind imho nicht der entscheidende Unterschied. Klar ist es hilfreich wenn man z.B. nicht ernst über den Sinn von Masken diskutieren muss aber das allein rettet auch kein Land.

    Ost-Asien und Australien haben vor 15 Jahren bei SARS gelernt und Konsequenzen gezogen. An uns ist SARS damals weitgehend vorbeigegangen. Konsequenzen hätten wir trotzdem ziehen müssen, haben wir aber nicht. Das kostet zum einen ne Menge Geld und zum anderen ließ sich damit keine Wahl gewinnen. Letzteres ändert sich jetzt hoffentlich.

    Derselbe Mist ist es ja auch im Bildungssystem. Wenn die Organisation von Schulbildung auf Präsenz fixiert ist und gleichzeitig so auf Kante genäht ist das keine Reserven da sind, passiert halt das was wir jetzt haben. Millionen von Schülern, die täglich sehr viele Kontakte haben, die sie beim besten Willen nicht um 75% reduzieren können.

    • “Corona hat (mal wieder) gezeigt wie sehr öffentliche Verwaltung auf Kante genäht ist. Wenn dann eine gigantische Aufgabe wie jetzt dazu kommt, ist das System schnell überfordert.”

      Ach, lassen wir das wie immer den Markt regeln 😉

  6. Moin und Hummel Hummel aus Hamburg,
    zum Thema Kita: Ich bin Heilerziehungspfleger in einer Integrationskita und somit zuständig für derzeit 5 schwerbehinderte oder von Behinderung bedrohte Kinder. Die Kita selber hat 160 Kinder und wir waren durchgehend geöffnet. Erstaunlich finde ich das selbst die Kollegen deren eigene Schulkinder in Quarantäne geschickt wurden, arbeiten mussten. Wir haben durchaus Kinder aber auch Kollegen die zu den Risikogruppen gehören dennoch wird faktisch nichts an schutzmasnamen umgesetzt. Natürlich müssen wir Pädagogen jetzt die Kinder WCs am Nachmittag zwischenreihigen aber wir tragen keine Masken und einen Abstand können wir auch nicht einhalten. In Hamburg wurden übrigens keine Kitas geschlossen sondern sind für einen “Notbetrieb” offen geblieben. Not war übrigens offensichtlich bei 99% der Eltern sehr groß. Tests werden nicht gemacht und auch Kinder die in der Türkei etc. waren müssen keinen negativen Test vorzeigen. Ich befürchte wir spielen da wirklich mit dem Feuer.

  7. Stichwort Schul- und Kita-Schließungen: ich finde es bedenklich, wenn man diese Fragestellung auf die wirtschaftlichen Aspekte reduziert. Denn abgesehen davon, dass Kitas und Schulen uns Erwachsene davor bewahren, uns 24/7 um Bespaßung unseres Nachwuchses kümmern zu müssen, haben diese Einrichtungen einen enormen Stellenwert für Kinder und Jugendliche. Es sind die zentralen Dreh- und Angelpunkte ihres Alltags, dort findet ein Großteil des Soziallebens statt, und jede abrupte Unterbrechung ihres Betriebs ist auch ein abrupter, massiver Eingriff in den Alltag der Kinder, mit negativen Folgen für ihre soziale Entwicklung. Bei Kindern kommt noch dazu, dass die Wehrlosigkeit, mit der sie dem Ganzen gegenüberstehen, noch größer ist als bei uns Erwachsenen – und schon wir Erwachsene haben massive Probleme, mit Kontrollverlust umzugehen, wie man schön auf jeder Anti-Corona-Demo beobachten kann, die ich inzwischen im Wesentlichen als Ventil zum Ablassen von Angst und Panik betrachte. Kindern bleibt selbst dieses Ventil noch weitgehend verwehrt – die entwickeln stattdessen Verhaltensauffälligkeiten zuhause. Von den ganzen anderen Problemen wie dem Schaden in der schulischen Bildung, dem Anstieg häuslicher Gewalt, den Nachteilen für wirtschaftlich schwach gestellte Familien durch für uns „banale“ Dinge wie etwa den Ausfall des gesponserten Schulessens, … hab ich dabei noch gar nicht angefangen. Es ist von daher meiner Meinung nach unbedingt richtig, dass die bundesweite Schließung von Schulen und Kindergärten diesmal der wirklich allereallerletzte Punkt auf der Eskalationsskala sein soll. Die Kollateralschäden dieses Schritts sind einfach immens. Bevor dieser Schritt nochmal gegangen wird, möchte zumindest ich persönlich lieber ein Komplettverbot länger dauernder Kontakte zwischen Erwachsenen aus verschiedenen Haushalten nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch im beruflichen und privaten Rahmen in Kauf nehmen.

    Stichwort „Zero Covid“: in dem Punkt finde ich eure Ansicht ehrlich gesagt auch sehr bedenklich. Im Grunde läuft es ja darauf hinaus, wie viele Tote und wie viel potenzielle Gefährdung für die eigene Gesundheit und die Gesundheit der Liebsten man bereit ist, in Kauf zu nehmen, und ein „Zero Covid“-Ansatz schiebt diese Abwägung zumindest unter unseren hiesigen Gegebenheiten schon sehr krass in Richtung maximalem Schutz unter Inkaufnahme extremer Kollateralschäden. In diesem Zusammenhang sägt ihr meiner Meinung nach an dem Ast, auf dem auch ihr beide letztlich sitzt – denn die „Kultur“, von der Tim recht leichtfertig meinte, sie müsse sich halt dann anpassen, ist dieselbe Kultur, die uns ermöglicht, uns gegen Totalüberwachungs-Gesetze zu wehren. Es ist dieselbe Kultur, die uns erlaubt, unsere Vorgesetzten auf der Arbeit, die Politiker in Berlin, unsere Großeltern oder wen auch immer sonst zu kritisieren. Es ist dieselbe Kultur, die uns erlaubt, Fehler zu machen, ohne gleich Harakiri begehen zu müssen, um irgendeine ominöse persönliche „Ehre“ zu retten.
    Natürlich sind Staaten wie Japan, Südkorea und vor allem der Extremfall China im Vorteil, wenn es darum geht, eine globale Pandemie unter Kontrolle zu bekommen. Aber diese Vorteile kommen nicht von Ungefähr; sie sind Folgen vieler Aspekte der politischen und sozialen Kulturen in diesen Ländern, die ich zu großen Teilen nicht wünschenswert finde. Wenn die Wahl also – zugespitzt gesprochen, aber wie wir an China sehen, durchaus realistisch – zwischen einem echten „Zero Covid“-Ansatz unter Einführung eines Ein-Parteien-Polizeistaats und einer das Individuum in seiner Gewichtung gegenüber der Masse der Gesellschaft massiv reduzierenden gesellschaftlichen Kultur einerseits und einem Weg der Inkaufnahme einer deutlich höheren Zahl Todesopfer andererseits besteht, dann muss diese „höhere Zahl“ aber wirklich weitaus mehr sein als selbst die in den negativsten Prognosen für Deutschland aktuell prognostizierten Zahlen. Der Schutz von Menschenleben und Gesundheit ist wichtig, keine Frage, aber er ist kein Totschlagargument, mit dem man alles rechtfertigen kann. Am Ende des Tages sind wir als Gesellschaft und jeder für sich als Individuum bereit, eine Gefährdung für das eigene Leben und das der Angehörigen und Freunde bis zu einem gewissen Grad in Kauf zu nehmen für die individuellen Freiheiten, die wir im Gegenzug genießen. Das gilt nicht nur für die Leichtsinnigen, die nicht auf ihre Partys verzichten wollen, sondern auch für den vernünftigsten vorstellbaren Bürger – die Toleranzschwelle ist einfach nur woanders.
    Ich höre euch schon erwidern: „aber Neuseeland…“ – ja, Neuseeland hat Glück. Neuseeland ist ne Insel, die zudem noch dünn besiedelt ist und relativ gut, also ohne viele Nachteile für die Neuseeländer, vom Rest der Welt isolierbar. Neuseeland zieht so viele Faktoren aus seiner geopolitischen Lage, die sich begünstigend auf Bestrebungen der Pandemiebekämpfung auswirken, dass es in den Bereich des Möglichen rückt, national eine Zero-Covid-Strategie zu verfolgen, ohne auf die individuell sehr einschneidenden Maßnahmen, die z.B. ein chinesischer Staat ergreifen muss, zurückgreifen zu müssen. Und China ist schon an und für sich im Vergleich zu Deutschland in einer in vielerlei Hinsicht vorteilhaften geopolitischen Lage, hat aber ebenfalls das Problem der dichten Bevölkerung, zumindest in großen Teilen des Landes. Wir haben da als Land mit hoher Bevölkerungsdichte und engen Vernetzungen mit den Nachbarländern wirklich keine besonders guten Voraussetzungen, man kann sich also ausmalen, was wir für Repressionen auffahren müssten, um Chinas Beispiel in Sachen Pandemiebekämpfung zu folgen. Insbesondere, da „Zero Covid“ eine binäre Entscheidung ist – das ist eine „alles oder nichts“-Strategie, den Ansatz „ein bisschen“ oder „für beschränkte Zeit“ zu verfolgen geht nicht, dann ist’s halt im Ergebnis nicht mehr „Zero“.

    • Wie sind eigentlich die Auswirkungen auf die Familien und Kinder, wenn die Kinder nicht mehr zu den Großeltern können? Wird ja immer beklagt: Lockdown = keine Großeltern besuchen können. Nur wenn die Großeltern in nicht unerheblichem Maße an Covid-19 weg sterben, dann wird auch nach dem Virus nichts mehr mit Omi und Opi besuchen. (Und die besucht man,weil sie nett sind, und weil die Kinder aus den Problemfamilien auch gerne mal bei den Großeltern sind, um dem häuslichen Stress zu entgehen).

      Genauso für die, die nur an die Wirtschaft denken: wollt Ihr wirklich einen nicht unerheblichen Teil Eurer Kunden verlieren? Und vielleicht noch einen Teil der Mitarbeiter, die noch nicht ganz in Rente sind, aber doch schon im Riskikogruppenbereich liegen?

    • Ich halte #ZeroCovid für das richtige Ziel aber den Verweis auf China auch für falsch. Ja, #ZeroCovid würde man in Deutschland bzw. Europa möglicherweise nicht erreichen wegen geopolitischer Vorraussetzungen, aber #AlmostZeroCovid wäre auch ein gutes Ziel. Allerdings braucht man dafür ganz andere Ressourcen im Gesundheitswesen um notwendige Nachverfolgung von Kontakten und Betreuung von Infizierten (solche die nicht ins Krankenhaus müssen) zu gewährleisten. Dafür muss man auch nicht gleich den großen Überwachungsstaat aufbauen. Da gibt es noch viele Stufen drunter was Effizienz und Effektivität angeht, die hierzulande umgesetzt werden können. Und an der Stelle kann man z.B. von Südkorea oder Taiwan oder auch Japan lernen.

  8. Zu Zero Covid:
    Eine solche Strategie der Eradikation innerhalb der eigenen Population ist logischerweise mit dem Ziel offener, innereuropäischer Grenzen nicht vereinbar. Die Länder (Australien, China, Hong Kong, Japan, Neuseeland, Singapur, Südkorea, Taiwan, Vietnam), die eine solche Strategie fahren, haben alle eine obligate 14tägige Einreise-Quanrantäne und verlangen teils vor Abreise einen aktuellen Test und/oder führen diesen nach Einreise (zusätzlich) durch, Neuseeland sogar zweimal. (Befristete) visumfreie Einreisen wurden, sofern vorhanden, bis auf weiteres aufgehoben.
    Damit sowas in Europa funktionierte, müssten alle EU-Länder an einem Strang ziehen und dann rigoros die Einreise von außen entsprechend regulieren. Nur fehlt der EU für Gerundheitsfragen die Kompetenz. Somit bliebe nur die Option die innereuropäischen Grenzen dicht zu machen, was ja im Frühjahr tatsächlich vorübergehend geschehen ist. Die Frage ist also, ob wir sowas bis zum Ende der Pandemie dauerhaft wollten.

    • vielleicht will es ja der ein oder andere Landkreis,
      die ein oder andere Stadt oder Gemeinde.
      Da fragt man sich dann als Risikoperson,
      ob man nicht (voruebergehend) dorthin zieht

    • Ziemlich genau das wollte ich auch grade schreiben, plus: Für diese Strategie haben diese Länder sehr wohl einen wirtschaftlichen Preis bezahlt. In China ist die wirtschaftliche Erholung stark weil bei 1,4 Milliarden Einwohnern geschlossene Grenzen halt verschmerzbar sind, aber in Thailand, in Hong Kong und in Japan (obwohl Insel) ist die wirtschaftliche Erholung im Juli/August deutlich schwächer als in der Eurozone, weil da eben auch die Einschränkungen deutlich strenger waren. Und aus Neuseeland und Australien gibt es noch gar keine belastbaren Zahlen, da ist obwohl das Inseln sind noch nicht ausgemacht ob die am Ende wirtschaftlich besser dastehen oder nicht.

    • Wollte auch etwas ähnliches schreiben.
      Zum einen kommt man mit einem Lockdown von 14 Tagen bis 4 Wochen wohl eher nicht hin. Wenn man sich die genannten Beispiele ansieht zB. Neuseeland hatte 2 Monate Lockdown, Wuhan über 2 Monate.
      Zum anderen steht man vor der Wahl das entweder als „Europa“ gemeinsam mit gleicher Strenge durchzuziehen und dann bei Erfolg die Grenzen nach Europa schliessen und mit gleicher Akribie kontrollieren wie die von euch genannten Staaten. Wird mangels europäischer Zentralregierung eher nicht passieren, das zB. Schweden auf einmal bei #ZeroCovid mitmacht sehe ich nicht.
      Die Alternative wenn nicht alle mitmachen wollen, wäre das die Staaten die es machen ihre Grenzen schließen. Geschlossene Grenzen in Europa bis der Impfstoff da ist, auch eine Möglichkeit.

      Das Virus ist in der Welt und lokale Kontrolle kann nur mit Abschottung von der Welt aufrecht erhalten werden, sonst kommt es immer wieder zu unkontrollierbaren Neueintragungen. Das ist der Preis den man für #ZeroCovid zahlen muss und der wird woanders lieber gezahlt als hier in Europa.

  9. Ich habe abundzu von euch “pro Millionen Einwohner” gehört. Die täglichen Inzidenzien werden allerdings auf “pro Hundert Tausend Einwohner” angegeben. Eventuell habt ihr Euch da irgendwo geirrt und eine Null mehr gesehen, als eigentlich da ist. Allerdings fällt es mir jetzt schwer, nachzuprüfen, ob ihr da was falsch gesagt habt, ohne den Podcast nochmal ein zweites Mal komplett zu kören. Ich wüsste jedenfalls nicht, wie ich das Transscript durchsuchen lassen kann. Das scheint immer nur partiell und dynamisch nachgeladen zu werden.

  10. Ein Hinweis zu #ZeroCovid:

    Es reicht dafür bei Weitem nicht, das gesamte Leben für zwei Wochen anzuhalten. Alleine innerhalb einer vierköpfigen Familie kann das Virus bis zu acht Wochen überleben, wenn sich die Familienmitglieder nacheinander und sehr verzögert voneinander anstecken.
    Außerdem ist das bei der Siedlungsdichte und dem schon bestehenden Infektionsgrad eigentlich nicht mehr machbar. Wir bräuchten einen dreimonatigen Hausarrest für die gesamte Bevölkerung. Also auch die Einstellung von jeglicher Wirtschafts- und Versorgungstätigkeit.

    Anfang März wäre das noch mit kürzerer Laufzeit, aber sehr harten Regeln möglich gewesen. Mittlerweile besteht diese Option nicht mehr.

      • Tim, wie kommst du darauf?

        Die mittlere Inkubationszeit (Median) wird in den meisten Studien mit 5-6 Tagen angegeben. In verschiedenen Studien wurde berechnet, zu welchem Zeitpunkt 95% der Infizierten Symptome entwickelt hatten, dabei lag das 95. Perzentil der Inkubationszeit bei 10-14 Tagen (50-56).

        Bei mild-moderater Erkrankung geht die Kontagiosität 10 Tage nach Symptombeginn signifikant zurück (142-147). Bei schweren Erkrankungen gibt es Hinweise, dass die Patienten auch noch deutlich später als 10 Tage nach Symptombeginn ansteckend sein können (141).

        Quelle: RKI CoronaVirus Steckbrief

        Das serielle Intervall ist zwar in der Regel deutlich kürzer aber solche Extremfälle sind zumindest denkbar.

  11. Ich möchte euch darauf hinweisen das in der Pressekonferenz zu den neuen Corona-Maßnahmen vieles angesprochen wurde das ihr euch dazu gefragt habt bzw. was für euch unklar war. Zu finden auf YT auf dem Kanal der Tagesschau.
    Ich kann die Pressekonferenzen allgemein empfehlen. Hättet ihr euch diese vorher angeschaut, wäre die Diskussion im Chapter “Der neue Lockdown” produktiver gewesen.
    Insgesamt trotzdem eine interessante Folge!

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